Pro und Contra E-Castings
Norbert Ghafouri und Thomas Bauer schreiben in ca:staktiv 3/2010 über E-Castings.
Norbert Ghafouri, Schauspieler, Coach und Filmschauspielschul-Leiter wollte eigentlich das "Contra" zu einer zweiseitigen Betrachtung des Themas "eCasting" schreiben. Dann hat ihn die Realität überholt. Aber das Ergebnis bleibt für ihn zwiespältig.
Contra „eCasting“?
Als ich das erste Mal davon gehört habe, dass sich der Vorgang der Besetzung zu den sogenannten ECastings entwickeln würde, dachte ich: Was soll denn das nun wieder? Schlimm genug, dass kaum noch Regisseure und Produzenten in der Lage oder Willens sind, ins Theater zu gehen oder sich einen persönlichen Eindruck von einem Schauspieler zu verschaffen, und sich nur noch Demobänder ansehen. Nein, jetzt kommt noch die große Chance eCasting. Doch welche Chance – und vor allem für wen – verbirgt sich dahinter?
Ich erinnere mich noch gut daran, als es plötzlich hieß, ohne Demoband geht gar nichts. Damals fanden im Film und Fernsehen die ersten Castings statt, Regisseure und Produzenten ließen sich von Kennern der Szene beraten. Sich beraten zu lassen und eine zweite Meinung einzuholen, ist natürlich immer eine gute Sache, aber wo bleiben dabei das Selbstbewusstsein und die Kompetenz der Regisseure, ihrem eigenen Urteil zu vertrauen?
Der schnell wachsende Film- und TV-Markt der vergangenen Jahrzehnte wurde zudem immer unübersichtlicher, kaum einer kannte mehr als die 50 Schauspieler, die sowieso immer zu sehen waren. Also entstand der Ruf nach einem Demoband, ohne Demoband sollte nun nichts mehr gehen. Hatte man damals noch nichts Aussagekräftiges gedreht, konnte man sich kein Band zusammenstellen, und ohne Band wurde man oft nicht mehr vorgeschlagen. Ratlos stand man nun als Schauspieler vor dem Problem, irgendwie ein Demoband herbeizuzaubern, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Oft wurde dann mit immensem Aufwand versucht, bei wenig hilfsbereiten Sendern und Produktionsfirmen das eigene gesendete Material zu bekommen, mit unterschiedlichem Erfolg und oft nur gegen Geld. Oder man hat selbst etwas hergestellt, mehr oder weniger erfolgreich etwas Eigenes gedreht, oder für viel Geld etwas drehen lassen, in der Hoffnung, doch einmal zu einem Casting eingeladen zu werden. Denn das selbstgezimmerte Band wurde nur selten als konkurrenzfähig angesehen gegenüber gesendetem Material, das immer auch ein Beweis dafür war, dass andere den Schauspieler oder die Schauspielerin auch schon erfolgreich besetzt haben. Ein großes Glück für die, bei denen es gelang, die zu Castings eingeladen wurden und endlich ihr Können leibhaftig in einem persönlichen Termin mit den Castern oder Regisseuren (oder wer sonst noch anwesend war), nennen wir sie Entscheider, unter Beweis stellen konnten.
Und nun im Zeitalter von Youtube und myspace wird dem Schauspieler die nächste Hürde auferlegt, nun soll er sein Casting allein durchführen, sich selbst aufzeichnen, bearbeiten und auf einen Server hochladen. Sicher eine tolle Sache für alle kontaktgestörten Eremiten unter uns oder für technisch bestens ausgerüstete Schauspieler auf den Malediven. Aber mal ehrlich, da entnehme ich einer EMail einen Massenaufruf zu einem Casting, und hunderte von auf ihre Chance hoffenden Schauspielern treiben wieder mal einen immensen Aufwand, um eine winzige Chance auf eine Rolle zu wahren. Kein Gespräch, kein Kontakt, ich allein mit einer Kamera, sofern ich eine besitze, ich allein mit meinem PC und meinem Uploadprogramm schicke eine weitere Hoffnung in eine Welt, mit der ich kein Gesicht verbinde. Das erinnert mich an verzweifelte Flaschenpostschreiber auf einsamen Inseln.
Das soll die Zukunft sein? Klar, kein Caster muss mehr teure Studios mieten, Schauspieler müssen nicht mehr reisen, das hat in der Tat etwas für sich. Wenn ich dafür tatsächlich meine Chancen erhöhe, eine Rolle und damit eine Arbeit zu ergattern, für die ich ansonsten nicht berücksichtigt worden wäre. Doch dies ist sehr unwahrscheinlich, schließlich hat sich ja nicht die Zahl der zu besetzenden Rollen erhöht, sondern nur die Zahl der in Frage kommenden, hoffenden Schauspieler. Und schon sprießen die ersten Anbieter auf dem Markt, die Schauspielern helfen wollen ihr E-Casting aufzunehmen und ins Netz zu stellen. Ein neuer Markt, wieder auf Kosten derer, die eigentlich nur einen Job haben wollen. Dies soll nun unsere Zukunft sein? Ich bin skeptisch und finde es schrecklich unpersönlich.
Dennoch habe ich letztens an einem eCasting teilgenommen. Ich habe jedoch vorher lange mit dem Caster und dem Regisseur telefoniert und wir haben uns genau abgestimmt, was auf dem Video drauf sein sollte. Ich hatte Zeit und Gelegeheit, es ein paar mal zu machen, bis ich zufrieden war und habe es dann upgeloadet. Und ich bin tatsächlich in die engere Auswahl gekommen. Ohne diese Möglichkeit hätte ich an dem Casting nicht teilnehmen können. Dennoch, der Unterschied ist, ich kannte den Caster und konnte mit dem Regisseur telefonieren, und ich verfüge zudem über alle technischen Möglichkeiten. Dieses Glück hat jedoch nicht jeder.
Norbert Ghafouri
Was soll dagegen sprechen? Es ist die Veränderung, auf wir gewartet haben – mit anderen technischen Mitteln, findet Chefredakteur Thomas Bauer
Pro „eCasting“
Es ist kein Allheilmittel. Nein, es gibt nicht mehr Jobs, nur weil es jetzt einen weitern Casting-Weg gibt. Aber es gibt mehr Chancen für mehr Schauspieler, zumindest einmal gesehen zu werden, zumindest einmal zeigen zu können, was man kann.
Ob es das richtige ist, ob es gut genug ist, das ist eine andere Frage, aber es wird für den Casting Direktor sehr viel einfacher, jemandem, den man noch nicht kennt einfach mal die Gelegenheit zu geben, sich kurz (so wie auch bei unserem Speedca\ sting-Experiment auf dem Filmfest München) zu präsentieren, ohne dass die Erwartungshaltung daran hängt, ein Gespräch zu führen, sich gemeinsam das mitgebrachte Demoband anzuschauen, über andere Projekte zu plaudern. All das, was man selbstverständlich gerne versuchen will, wenn man als Schauspieler schon mal zu einem viel beschäftigten Caster persönlich durchdringt.
Wir haben in Deutschland nun einmal nicht die (Un-)Kultur der Zack-Zack-Auditions des angloamerikanischen Raums, bei dem man eher in Sekunden als in Minuten zählen kann, wie lange die Show-up-Zeit für den ersten Blick ist. Also kommt es einem schon nach schneller „Abfertigung“ vor, wenn sich ein Casting Direktor nur fünf Minuten Zeit nimmt. Und der Caster wirkt zwangläufig arrogant, wenn er trotz Zeitdruck nicht mehr Zeit „opfert“. Mal von der anderen Seite gedacht:
Ist es nicht menschlich verständlich, wenn man sich diesen psychologischen Stress nur bedingt antut und die Zahl der Gespräche und der Einladungen zur ersten Runde in einem Präsenz-Casting weitgehend auf die Pflegeleichten und die Bekannten, die leichter an die Redaktion Vermittelbaren beschränkt?
Ja, ein e-Casting ist zunächst einmal unpersönlicher als ein direktes Gespräch. Aber es ist sehr viel persönlicher als gar kein Kontakt oder ein Demoband. Der Casting Direktor kann ohne jemandem beim Weiterzappen persönlich weh zu tun, in kürzester Zeit einen ersten Blick auf ein Vielfaches von Kandidaten werfen. Mal ganz davon abgesehen, dass man die Möglichkeit erhält, in einer Rolle statt auf einem starren Band zu zeigen, wie man sie spielen könnte – allein diese Chance, eine Chance zu geben ist eine kleine Revolution. Und statt uns zu ärgern, wenn wir (wie zwangsläufig die meisten Kandidaten) keine Einladung zum anschließenden Live-Casting in Köln, Berlin, Hamburg oder München erhalten, sollten uns freuen, im Training zu bleiben und gesehen zu werden. Auch wenn die Videos einmalig für einen Auftraggeber bestimmt sind – im Kopf des Casters werden gute Leistungen nicht gelöscht...!
Thomas Bauer
